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Toter Winkel

Es gibt keine Flucht vor dem Schuldbekenntnis außer durch Freitod. Und der Freitod ist ein Schuldbekenntnis.
Daniel Webster

Der feuchte Nebel steht auf dem Asphalt, und aus dem mysteriösen Nebelschwaden taucht wie in einem Film die schwarze Gestalt auf. Eine Silhouette, ihre Bewegungen verschwimmen fast mit den Wassermolekülen, die in der Luft tanzen, so hastig und flüchtig sind sie. Sie eilt zur Tür, verschwindet aus meinem Blickfeld, aber genau in diesem Moment klingelt es. Schweren Mutes laufe ich zur Tür, hebe den Hörer und drücke auf den roten Knopf, ohne mich zu versichern, dass es Ronnie ist. Ihre Schritte tröpfeln die Treppen hoch und das Echo versickert in Dimensionen, denen ich mir nicht bewusst bin. Sterben Töne? Ihre Haare sind nass und fallen ihr strähnig ins Gesicht, als sie vor mir zum Stehen kommt und den Kopf senkt. Mit einer zittrigen Handbewegung streicht sie es sich hinter ihre Ohren. Sie sind etwas spröde, aber durch das Wasser glänzen sie rötlich im schwachen Licht. Sie hat viel verloren, aber ihre Schönheit kann sie selbst in schlimmsten Zeiten nicht unter weiten Klamotten und Trauer verbergen. Ihre Haut ist etwas blasser als sonst, aufgedunsen als ob sie einige Tage im Haus verbracht hätte, ohne auch nur einmal einen Schritt vor die Tür zu setzen, oder in stickigen Clubs mit viel Alkohol. Die Temperaturveränderung lässt ihre Wangen erröten, ein rosiger Farbton, der an Kindheitserlebnisse erinnert. Kein Lächeln verflüchtet sich auf ihren Lippen, keine Umarmung, keine herzliche Begrüßung, die so aufrichtig klingt, dass mir jedes Mal fast die Tränen kommen. Ich bekomme keine, denn sonst wäre sie nicht aufrichtig. "Ich packe das nicht! Warum sterbt ihr alle?" Sie meint diesen Satz nicht sarkastisch. Ich spüre ein Stechen im Herz, wie so oft in letzter Zeit, aber dieses Stechen ist anders, es trifft am falschen Punkt, wo die Ärzte nichts machen können. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. "Aber ich lebe doch", flüstere ich. "Halt die Fresse, Ellie! So was kannst du mir ersparen! Was hast du dir dabei gedacht?" Ich senke den Kopf und schweige. Im Treppenhaus verkommen die letzten Fetzen ihrer Wut, ein paar Mal wiederholen sie sich, stoßen sich von den Wänden ab; dann geben sie es auf. "Hast du ihn gesehen?" Ich höre sie kaum, so leise stolpern die Worte über ihre Lippen. Sie springen von der Klippe und breiten die Arme aus, wartend auf den Aufprall in den Wellen. "Ronnie - ich..." - "Hast du ihn gesehen?" Keine Selbstmordspringer mehr, sondern Klingen, die sie mir an die Kehle hält. "Ich würde dir gerne etwas von NAhtoderfahrungen berichten, ehrlich. Aber ich habe nichts gesehen. Kein Licht und auch nicht -" Ich brauche den Namen nicht aussprechen, er schwebt bereits im Raum.

  

Kommentare:

  1. Liebe Elena,
    Deine Worte sind wiedermal so berührend. Ich würde ja sagen, sie zaubern mir ein lächeln ins Gesicht, aber da ich mit dir fühle tun sie es nicht.
    Andererseits würde ich gerne aus dem Herzen lachen und dich damit anstecken.
    Ich denke jeden Tag an dich.
    Hab dich sehr Lieb
    Deine Amy

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  2. (es geht immer noch nicht, aber ich versuche es jetzt mit einem anderern browser. es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe. ich kann gerade keine worte formen, ich schaffe es einfach nicht.)

    dieses zitat. ich bin schon wieder sprachlos. und traurig. es ist wahr, ich weiß auch nie, wohin mit der schuld.
    ich würde gerne etwas über deinen schreibstil sagen, aber ich habe das gefühl, das ist fehl am platz, überflüssig, ohnehin klar, und was zählt, ist das, was so offensichtlich vor einem steht. ist es ein vorwurf, eine geschichte, etwas vertrautes? ich weiß es nicht.

    ich wünsche dir einfach, dass dein tapferes herz alles bekommt, was es braucht, und du ebenfalls, und wenn ein text dir irgendwie helfen konnte (wenn ich auch keinen einfluss habe, ich kann nur die kieselsteine am strand aufsammeln und vielleicht gefallen sie dir) dann freut mich das riesig. "jedes Mal, wenn ich enttäuscht bin, weil ich denke, ich hätte mehr geben können, denke ich mir auch ein bisschen, dass du selbst nie abschätzen kannst, wie viel mehr du hättest besser machen können" - das bitte einrahmen und an die wand, ja?

    den prolog neu schreiben, ja. an einem morgen, an dem draußen die sonne scheint und drinnen das leben neu beginnt, weshalb es innen auch viel stiller ist, von der schreibmaschine aufschauen und zuversichtig sein, über die vorherige seitenzahl hinauszukommen.
    das wünsche ich dir.


    alles liebe

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  3. "Ich spüre ein Stechen im Herz, wie so oft in letzter Zeit, aber dieses Stechen ist anders, es trifft am falschen Punkt, wo die Ärzte nichts machen können." ... <3
    Ich hoffe es geht dir gut, auch wenn du dich vielleicht zurückgestoßen fühlst. An der Grenze wandeln ist nicht gut, selbst wenn es sich manchmal wie eine Romanze anfühlen mag.

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  4. Ich traue mich kaum, zu kommetieren, aus der Angst heraus, etwas falsches zu sagen. Ich habe deine Erfahrung mit Jo nachgelesen, weiter hinten im Blog, als du weg warst. Dass du selbst an diese Schwelle gekommen bist, hätte ich nicht gedacht, aber ich wünsche dir die Kraft, damit umzugehen und auch mit dem Tod von Jo. Du bist nicht gestorben, du bist eine so lebhaftige Person, und ich bin froh, dass du hier bist, dass du umgekehrt bist.

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  5. Oh. Mein. Gott. Du. Bist. Wieder. Da.
    Ich war ganz überrascht, weil ich zumindest in den ersten Wochen deiner Abweseheit fast jeden Tag hier war, folglich war ich in Gedanken ganz oft bei dir, und habe mich oft gefragt, was wohl schlimmes passiert sein mag. Wie schlimm es für dich ist oder wie du damit umgehst kann ich gar nicht einschätzen, aber ich wünsche dir das Beste!
    Billie :)

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  6. Hallo du. Verfolge deinen Blog jetzt schon eine Weile, aber habe mich nie getraut etwas zu schreiben. Nun da ich ganz offenkundig endlich mal den Mut gefunden habe, ganz kurz:
    In Gedanken unterstütze ich dich und- so lapidar das jetzt auch klingen mag- ich wünsche dir alles Gute und Schöne, was mir einfällt.
    Alles Liebe Merli-chan.

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Vielen Dank für jeden Kommentar ♥
Ich behalte es mir allerdigs vor, Anfragen auf gegenseitiges Verfolgen etc entweder zu ignorieren, entzürnt zu reagieren oder es einfach zu löschen. Comprende?