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Die letzte Show von Against Me!, die ich gesehen hatte, war mit dir. Laura Jane Grace war noch Tom Gabel gewesen, und du warst noch am Leben. Dinge ändern sich, Menschen ändern sich, ebenso Umstände und Gelegenheiten. Die einen beschließen, ihr Leben neu zu beginnen, in einem anderen Körper, in einem anderen Geschlecht, und andere flüchten vollständig. Dein Gesicht in der Menge? Ein grüner Schopf. Nein, ein blauer. Plötzlich rot, und du zerfließt. Überall Blut. Ich liege am Boden. Schon wieder gefallen, du ziehst mich nach oben. Du? Ich verliere dich aus den Augen, lande zwischen Füßen und Staubwolken, zwischen Gedanken und Tränen. Und Blut. 
Dinge ändern sich, Menschen, Umstände, Gelegenheiten. Manche Dinge stellt man nicht infrage. Man zweifelt nicht an ihrer Beständigkeit. Oder ihrer Selbstverständlichkeit. Oder an ihrer Regelmäßigkeit, wie dein Atmen. Erst wenn es fehlt, hört man die Stille. Die Regelmäßigkeit deines Lachens, welches leere Räume bunt zeichnete - warum vermisse ich es erst, wenn es ganz fehlt und nicht schon, als es in tiefer Dunkelheit und Depression verstummte? Habe ich Anzeichen übersehen? Die Beständigkeit deiner Blicke nicht hinterfragt? Haben sich Unaufmerksamkeit und Gewohnheit den Synonymstatus der Selbstverständlichkeit und der Regelmäßigkeit heimlich erschlichen? Kein Albtraum, kein Worst Case und keine Paranoia, Psychose oder Neurose hätten das portraitieren können, was ich jetzt fühle.
Deine Klamotten werden schon von Motten zerfressen, bis kein Präfix mehr übrig bleibt, und deine Schuhe hängen schon längst auf Baumarmen in der Stadt verteilt, oder auf Telefonmasten, Stromleitungen, zwischen Leben und Liebesbekundungen und den Luftwellen von Notrufen. Meine Haut kann sich nicht mehr an deine erinnern, und das Postamt stellt schon lange keine Briefe mehr zu; deine Geliebte, Ronnie, sie stellt auch keine Gedanken mehr zu.
Ein grüner und ein blauer Schopf, die meine Beine heben, ein vom Licht rot gefärbter Skalp. Crowdsurfen zum Sanitäter. Das Blut fließt mir an den Schläfen herab. Die Sanitäter fragen nach meiner Ansprechbarkeit, meiner Zurechnungsfähigkeit. Sie sehen die weißen, hervorstehenden Knochen, sie sehen die Narben und sie sehen die blauen Flecken.
Warum muss man seine inneren Wunden erst nach außen tragen, bis sie bemerkt werden?


Kommentare:

  1. Ich würde es gerne in virtuose Worte packen, was ich dir sagen möchte, aber letzten Endes bist du der Wortkünstler und ich komme so viel besser auf den Punkt: Es ist nicht deine Schuld, was Jo getan hat. Das kann ich sagen, ohne dich und ihn wirklich zu kennen, aber es ist niemals deine Schuld! Weder Anzeichen noch Ankündigen würden dich verantwortlich machen für die Entscheidung, die er letzten Endes getroffen hat!
    Alles Liebe,
    Billie

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  2. Weil man sie sonst nicht sehen kann.

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    1. ich formuliere das als indirekte Reaktion auf dieses ommentar, weil ich denke, dass eine Antwort auf deine abschließende Frage, Elena, nicht so leicht ist."Warum muss man seine inneren Wunden erst nach außen tragen, bis sie bemerkt werden?" - "Weil man sie sonst nicht sehen kann."... Ich glaube nicht, dass es so einfach ist. Ich unterstelle dir, Elena, einfach einmal, dass du genau diese Antwort - die ja praktisch in der Frage schon mit drinnen steckt - genau abbsichtlich irgendwie rhetorisch da rein gebaut hast. Ich glaube auch, dass du dich mit "weil man es sonst nicht sieht" nicht abgefunden hast und nach einer anderen Antwort in diesem Text suchst. So interpretiere ich ihn zumindest. Ich finde nicht, dass es solch krasse Hilfeschreie braucht, um sie kennbar zu machen, diese blauen Flecken im Inneren.
      Das ist keine Anklage an dich, Anais, keinesfalls. Ich denke nur, dass es die naheliegendste Antwort ist und in diesem Fall eher die Antithese...

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  3. krass, zu sehen, wie jeder seine Dinge interpretiert. Ganz ehrlich: all die angesprochenen Dinge sehe ich auch im text. Allerdings virtuos im Subtext vergraben und ohne Zeigefinger. Das macht Kunst aus, oder?

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  4. oh wow. das ist auf eine weise herzzereißend, die ich nicht beschreiben kann. ich bin mir sicher, da steht so viel mehr zwischen den zeilen, als ein außenstehender jemals lesen könnte. und wir können es alle nur erahnen, haben angst, weil wir spüren: es ist nichts gutes. und doch so passend in worte verpackt, dass einem beinahe schwindelig wird von den erinnerungen, die du beschreibst, die nicht unsere sind.

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  5. Ich bin sprachlos. Dein Text berührt mich zutiefst.

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  6. ich finde es sooo beeindruckend, wie hammermäßig gut du dich ausdrücken kannst. Nicht nur dein Vokabular, sondern die Gefühle dahinter, die "Redewendungen", so fantasievoll und bildlich.

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  7. ich liebe dein neues Layout schon jetzt. So atemberaubend schön! Ich kann mich nicht sattsehen! Kommt noch ein Header hinzu? Gott, ich habe noch nie so ein schönes layout gesehen! Wahrhaftig nicht!!!

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    1. Wowowowow! Vielen Dank! Großes Kompliment! Ich bin nämlich noch sehr unzufrieden, habe außerdem schiwerigkeiten mit dem HTML-Skript... nun ja, aber wirklich danke!!! Ja, ein Header soll noch hinzu kommen.

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  8. schon auf meinem alten blog waren viele der letzten texte in englisch. ich habe das gefühl mich in dieser sprache besser ausdrücken zu können, mehr worte zu finden. oder vielleicht bin ich diese auch leid, deutsch meine ich aber ich kann es dir nicht sagen. es fühlt sich besser an.

    aber deine texte sind unglaublich, wenn ich das so dazu werfen darf

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