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Krieg um den Frieden

 Jede abgelehnte Kalorie, jeder Schnitt, jede absichtlich falsche Entscheidung und jede Lüge - das alles ist kein Vergleich zu dem wohl selbstzerstörerischsten, das ich je getan habe, nämlich mein Glück in deine Verantwortung zu übergeben, Jules. Wir sprachen oft über Abhängigkeit, die du stets ablehnen wolltest. Ich hingegen, ich habe nichts gegen die Abhängigkeit, sie ist fast wie ein Bruder oder eine Schwester für mich, repräsentativ für die einzige Konstante, die ich in meinem Leben hatte. Dein flacher Atem, um keine Sinneswhrnehmungen an dich ran zu lassen; dein angehaltener Herzschlag, das alles waren wohl die ersten Anzeichen deiner zunehmenden Distanz, um der Abhängigkeit flüchtig zu entschwinden. Klammheimlich trifft es nicht, denn Teller trafen Wände und Hände gerötete Wangen und Bücherregale die Straße, drei Stockwerke weiter unten, aber klammheimlich ist uns etwas abhanden gekommen. Es war nicht die Abhängigkeit, zu deiner Information. Sie hat mich eigentllich immer gut genährt, und ist mir an und offenbar auch ins Herz gewachsen. Du meinst eine andere Abhängigkeit, wirfst du ein, keine Sucht. Was unterscheidet deine Abhängigkeit von meiner, frage ich mich, aber ich spreche es nicht aus und du hältst einen theatralischen Monolog. Mein Glück habe ich abhängig von dir gemacht während der letzten Monate und Jahre. Menschen sind das Produkt ihrer Rollen und Masken, hat Ronnie mal gesagt. Das hat sie im Suff gesagt, und seitdem musste ich bei jedem Streit daran denken. Wenn das stimmt, dann warst du selbst in deiner Freizeit eine deiner Rolle, abseits des Skripts, das du abends auf dem Sofa geübt hast, wenn du mal wieder den Text noch nicht drauf hattest vor der Generalprobe. Aber bin ich anders? Ich war auch nie ich, ich war immer nur Bukowski mit dem Glas in der Hand oder Eugenides mit dem Hermaphroditen-Identitäten-Problem oder Plath in der Sanduhr oder Auster mit seinen Ängsten - ich war auch nur die Bücher, die ich las, ich bin auch nicht schlau, ich reproduziere nur und zitiere und keines meiner Worte war jemals meines. Du im Gegenzug hast deine Worte auch nicht besessen, in diesem Aspekt waren wir uns einig. "I'm a boy, I read prose / You're a girl, you stand and pose" - nur anders herum. Du warst immer nur die Rollen, die du bis Feierabend verkörpert hast. Habe ich mich gefürchtet, als ihr Woyzeck gespielt habt; und zum Glück hat sich zu dieser Zeit, in der ihr das Himbeerreich inszeniert habt, überschnitten mit meinem Spiegel- und Hohe Luft-Abonnement zum Neujahr; so guten Sex wie zur Spielzeit von der Rocky Horror Picture Show hatten wir danach lange nicht mehr! "Ich bin von Beruf aus Lügner" hast du mal gesagt, ganz lange her ist das, da kannten wir uns kaum. Vielleicht sollte es mich neugierig machen oder dich attraktiv, was du damit erreichen wolltest, kommt auf dasselbe heraus. Du bist von Beruf aus Lügner, du sprichst fremde Worte, und ich bin von Beruf aus Gläubiger, ich glaube eben an Worte, auch an deine. Im Nachinein zu leugnen, dass wir jemals ein Wir gewesen sind, wäre utopischer als der Gedanke dass wir uns ineinander verloren haben. Immerhin haben wir das Ich nie gefunden. Abhängigkeit, ein wohlig-sanftes Gefühl, in dem man sich wiegt. Bis es sich gegen einen wendet, bzw. die Co-Abhängigkeit und ich dann ein Wochenende lang mit Rotwein über Eugenides brüte und du im Stadtpark deine verlorene Identität im Transkript suchst.

Kommentare:

  1. immer wieder schön, von dir zu lesen. auch wenn ich dir manchmal etwas weniger drama wünsche
    Billie (:

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  2. Der Titel ist ja genial. Ist der "von dir"?

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  3. Es mag mal wieder so komisch klingen, das zu sagen bzw wenn du das liest, wirst du mich für komplett idiotisch halten... - ich kann nicht mit besonders wortgewandten Erfahrungen prahlen, aber ich glaube (!), dass diese Thematik "Identität finden" eines der größten Kapitel ist und durch Partnerschaften auch eine "Wir-Identität" zu suchen/finden, ist vermutlich Weg und Ziel zugleich. Es gibt dir die Möglichkeit, Ecken und Schlupfwinkel in dir zu finden, die du nie entdeckt hättest auf eigenem Pfad, aber Abgründe gehören vermutlich auch dazu. Von außerhalb zu beurteilen, ob/was/wieso will ich gar nicht, und das ist auch euer Brot. Ich durfte Jules und dich nur flüchtig kennenlernen, als ich mal in Nbg war, aber irgendwie stimmte bei euch die Harmonie, ich weiß auch nicht. Deswegen komme ich mir auch so blöde vor wegen dem, was ich oben drüber geschrieben habe. Das ist jetzt vermutlich auch nur Salz in der Wunde, tut mir Leid.
    Alles Gute trotzdem.
    J x

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  4. ist Jules irgendwie Schauspieler oder so?

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    1. "Oder so" trifft seinen Beruf wohl besser als die absolute Bezeichnung "Schauspieler".

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  5. Wunderbar. Danke, dass du deine Worte, auch wenn sie bloß zitiert, abgelesen oder umgedreht sein sollten, mit uns teilst.
    Du bist sehr besonders.

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