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Der verlorene Sohn

Ich rede wirklich nicht oft darüber; es fällt  mir einfach so schwer. Jedem passiert mal Scheiße. Menschen machen Fehler. Entweder setzt sich unsere Scheiße dadurch zusammen, dass wir durch unsere Fehler uns selbst hinein manövrieren, oder andere Menschen machen Fehler. Es trifft niemanden weniger oder mehr, den jeder ist anders und für jeden sind andere Dinge leichter oder schwerer zu schultern. Es vergeht kein einziger Tag, an dem ich nicht an ihn denke. An meinen Sohn. Ja, ich bin eine von ihnen - diese Menschen, die bei RTL unter dem Label "Assi-TV" gezeigt werden. Drei Jahre ist es her. Und immer noch denke ich an ein Wesen, das nicht einmal existiert. Weil ich es umgebracht habe.
Wie kann man jemanden lieben, den man nicht kennt? Die aber noch bessere Frage ist: Wie kann man etwas vermissen, das man nicht hatte? Ich werde nie erfahren, wie er aussah; wie es sich anfühlte, ihn in die Arme zu schließen; ob er mich mögen würde; ob wir uns ähnlich wären. Ich habe Ihm nie Klamotten gesucht. Ich male mir aus, wie mein Leben mit ihm verlaufen wäre. Es hätte so viel verändert, es in andere Bahnen geleitet. Vielleicht aber hätte ich auch nie die Erfahrungen gemacht, die ich nun einmal erlebt habe.  Aber eine Gewissheit besitze ich: Er ist all dem Leid entkommen, was ich ihm hätte bieten können. Keine mittellose Teenie-Mutter, keine komischen Familienverhältnisse; kein Streit mit dem Jugendamt.
Ich habe ihn noch nie gesehen, aber es fühlt sich an, als würde jemand ganz weit weg von mir mich besser kennen und verstehen, als ich selbst. Als wäre da ein unsichtbarer Draht. Manchmal spreche ich zu ihm, und er ist der einzige, der es versteht.
***
Ich zähle mir momentan all die Verluste auf: Mein Vater, meine Mutter, mein Sohn, Jo. Morgen ist Jo's Beerdigung. Es wäre das erste Mal, dass ich eine Rose auf sein Grab werfen könnte, aber wir haben uns für Asche entschieden. Es ist schon komisch, dass so viele Menschen für mich gestorben sind, und ich aber mit Jo als ersten wirklich Abschied nehmen kann.

Kommentare:

  1. Eine Frage. Bereust dus?

    Oh Mein Gott, ich hab, als ich dein Kommentar gelesen hab, gar nicht verstehen können, was du meinst. Er hat sich in deiner Abwesenheit umgebracht? Wie geht sowas, hab ich mich gefragt .. ich hab mir den Text grade durchgelesen und ich bin geschockt, einfach geschockt, das ist so krass, ich kann gar nicht in Worte fassen, was ich nach dieser Geschichte fühle. Es tut mir leid. Es tut mir so leid, für das, was passiert ist und ich kann es gar nicht fassen. Weißt du, warum er es getan hat?


    Ich hoffe, es kommt jetzt nicht zu unpassend, aber ich muss einfach mal loswerden, dass deine Art, wie du schreibst mich unheimlich schockt und fasziniert. Ich hab, ehrlich, kaum etwas gelesen, das so perfekt und echt geschrieben ist.

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  2. PART1:

    Hey Madame! Verzeih die späte Antwort - Silvester und die ganze Hektik.. Ich hoffe du kannst aus dem Jahreswechsel ein wenig Kraft ziehen. Gewiss sind die Dinge zu präsent um Schlussstriche zu ziehen.. Aber ich hoffe es fühlt sich dennoch für dich an wie ein Schritt. Neues Land, irgendwie.
    Wie dem auch sei! Ich danke dir für deine lieben Worte - sie brachten mich zum Grinsen und vor Freude glucksen, einer jener Momente in denen man froh ist mit dem Laptop alleine zu sein, man fürchtet doch von außen für leicht irre gehalten zu werden. :D Ich sage mal: Wenn meine Worte diesen Effekt haben ziehe ich die Fähigkeit dazu nur aus deinen Texten. Wie gesagt, sie sind so ehrlich und deswegen eigentlich auch knallhart, lesen sich aber gar nicht so. Keine plakativen Botschaften. Mehr geflüsterte Wahrheiten.

    Ich verstehe deine Suche nach dem "Nest" so gut. Ich weiß nicht... In einer besseren Welt stelle ich mir gerne vor, dass man ganz unformal adoptiert werden kann. Ältere Menschen die so viel Liebe für die Jugend haben, dass sie an der Hand nehmen. Menschen, die auch ohne der Blutsverbindung eine Leitfigur werden. Ganz simpel gesagt: Erwachsene die man um Rat fragen kann, ohne das Gefühl zu haben eine persönliche Grenze zu überschreiten. Das wäre mir manchmal schon genug.

    Zu deinem Post hier - ich weiß nicht ob du dich wirklich mit dieser Bevölkerungsschicht solidarisieren willst oder das sagst um dich abzuwerten, deswegen sage ich einmal vorsichtig: So wie RTL diese Gesellschaftsschicht aussehen lässt bist du ganz sicher nicht.
    Und ich glaube du bist auch kein Einzelfall, es gibt auch genügend (heutige) Studentinnen die bereits abgetrieben haben. Nur gelten diese dann eben nicht als Sozialfall, man sieht es ja nicht, sieht von außen keine Folgen, keine Konsequenzen.
    Was du erzählst ist eine sehr persönliche Geschichte, ich denke ich persönlich kann die Entscheidungsgewalt die mit so einer Wegegabelung kommt gar nicht nachvollziehen (denn meine Entscheidung wäre ganz ehrlich auch heute mit 23 binnen einer Sekunde getroffen, Kinder will ich nicht), umso mutiger finde ich es, dass du ihn als deinen Sohn bezeichnest. Und das ohne in Schwermut und Reue zu verfallen. Zumindest nicht hier sichtbar.
    Ganz generell: Dass du so offen erzählst.. Hut ab. Es ist gewiss kein leichtes, ist es doch durchaus auch ein Tabu-Thema.
    Ich bin mir sicher du wirst zur gegebenen Zeit eine wundervolle Mutter sein, wenn du das willst. Und wer weiß, vielleicht wirst du diesem Kind dann Dinge bieten können die du ihm nie bieten hättest können, hättest du dich beim ersten Mal anders entschieden. So viele Was Wäre Wenns.
    Die Hauptsache ist, dass es dir gut geht. Dass du für dich handelst und auf dich aufpasst. [Part2 folgt beim nächsten Post. :]

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  3. Ich habe mal gelesen, dass die Kinder bei ihrer Mutter bleiben und den Platz einnehmen, wenn diese erneut schwanger wird. Klingt unwirklich und kitschig, aber ich glaube daran. Die Bindung zwischen Mutter und Kind, ist mehr als das physische erfassen kann.

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