HOME TUMBLR LESENSWERT ZEICHNUNGEN DISCLAIMER FOLLOW ARCHIV

Blog-Archiv

Club der toten Liebenden

Deinen Vater hast du nie kennen gelernt, weil er dich und deine Mutter einfach im Stich gelassen hat, wie kannst du da von Liebe ausgehen? Deiner Mutter war der Alkohol wichtiger als du, wie kannst du da von Liebe sprechen? Das Wort Liebe gibt es ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr in deinem Wortschatz. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt meinst du, dass Liebe nicht existiert. Du siehst sie, diese roten Herzen am Valentinstag, und fragst dich, warum Menschen es nötig haben, sich ihre Liebe zu beweisen. In deinen Ohren hört sich "Liebe beweisen" an, wie sich in einer Prüfung beweisen, um in einen bestimmten Club oder eine bestimmte Gruppe zu kommen. Der Club derjenigen, die behaupten, zu w i s s e n, was Liebe ist, obwohl sie sie doch allerhöchstens gespürt haben! Du siehst sie, die Besserwisser, wie sie ihre Hintern zu Coldplay aneinander reiben wie Bäume, die vom Wind gefickt werden. Du wächst in einem Haushalt auf, in der die Liebe zu Jesus so groß zu sein scheint, dass für dich kein Platz mehr ist, und der Lebensinhalt deiner Mutter besteht darin, sich jeden Tag das Blut Jesu anzunehmen und den Rachen hinunter zu schütten. Die Gedanken schießen dir in den Kopf, während dein Freund sich gerade das Shirt über den Kopf zieht, seine Lippen auf deine krachen, und du sie kaum mehr spürst, weil sie so sehr pochen. Er drückt dir das Blut im Unterkörper ab, weil er sich auf deinen Bauch gesetzt hat, und das Blut rauscht dir in den Ohren wie der Verkehrslärm vor der Tür. Seine Hände kratzen wie Sandpapier auf deinen Wangen und du bist fast schon erfreut, als er dazu übergeht, deine Brüste in dein Gehirn zu pressen. Die Erinnerung an ein kleines Kind, das du am Vormittag noch in den Händen hieltest und dich mit einer bedingungs- und grundlosen Seeligkeit anschaute, schießt dir in den Kopf, sodass du gar nicht merkst, dass er innehält, sich zu dir herunter lehnt und deinen Blick einfängt, um seine Worte zu intensivieren. Ich liebe dich. Ohne auf eine Antwort zu warten streicht er dir über die Wange, und du meinst, die Bräune seiner Handflächen zu spüren, die sich wie flüssiges Karamell auf deiner Haut anfühlt. Seine Lippen wie die Rosenblätter in den Sammelstätten der Clubmitglieder. Sein Körper an deinem ist so warm, vielleicht ist es die physikalische Reibung der statischen Elektrizität, aber vielleicht ist es einfach der Funke zwischen euch, der das Licht spendet, um das Unsichtbare zu sehen. 

Kommentare:

  1. Es war eine ehemalige Nachbarin. Sie war zwar schon 80Jahre, aber sie war für mich so eine Art Oma, sie war wirklich ein sehr guter Mensch. Und ich kenne sie halt schon seit ich geboren bin..

    Und mit dem Zitat hast du Recht. Manchmal muss man einsehen, dass andere deine eigenen Gedanken besser verpacken können.

    Ich kommentier gleich auch deinen Post, muss nur kurz was erledigen.

    ♥ ♥ ♥

    AntwortenLöschen
  2. Deine Text faszinieren mich jedesmal wieder.
    Grandios, ehrlich.

    AntwortenLöschen
  3. Das Geräusch das ich gerade gemacht habe war nicht mehr menschlich. Was für ein Stimmungswechsel, so flüssig, logisch und dadurch fast unspürbar. Nachvollziehbar. Nachfühlbar.

    Wie gerne würde ich mir eine Scheibe deiner unbemühten Kunst abschneiden.

    AntwortenLöschen
  4. Ein wahnsinnig gefühls-intensiver Post! Deine Sprache, deine Lexik und die Kunst, sie in Kunst zu verwandeln haut mich jedes mal um!

    AntwortenLöschen
  5. Bitte, bitte! ICh liebe deinen Stil! Jedes MAl kannst du ihn so verstelle, so verformen, aber bleibst trotzdem unverkennbar und authentisch! Ich mag es, wie du die Du-Form benutzt, und ich mag es, wie du exakt dieselbe Handlung in zwei komplett verschiedenen Atmosphäre beschreiben kannst, ohne die äußeren Umstände zu verändern - um mich kurz zu fassen: Ich liebe deinen Schreibstil. Das kann ich nur immer wieder beteuern! ♥

    AntwortenLöschen
  6. Und ganz ehrlich: "Der Club derjenigen, die behaupten, zu w i s s e n, was Liebe ist, obwohl sie sie doch allerhöchstens gespürt haben!", das ist ein so wahnsinnig aussagekräftiger Satz, der könte genauso gut von einem Hermann Hesse oder ietzsche stammen! Und das sage ich ohe Übertreibung! Ich würde so gerne mal ein Buch von dir lesen! ♥

    AntwortenLöschen
  7. Und wieder haust du mich mit deinem Text vom Hocker. Du schreibst nicht nur unfassbar gut, du hast immer gute Themen parat, mit denen du umgehen kannst - man glaubt dir alles, man stellt es keine einzige Sekunde in Frage, warum auch?

    ♥ ♥ ♥

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für jeden Kommentar ♥
Ich behalte es mir allerdigs vor, Anfragen auf gegenseitiges Verfolgen etc entweder zu ignorieren, entzürnt zu reagieren oder es einfach zu löschen. Comprende?