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Illysium

Schriftstellerin, diese Phrase schrieb ich als Kind oft auf die Zeile in Freundschaftsbüchern nach Das will ich mal werden, wobei nicht einmal ich selbst weiß, inwiefern das mehr oder weniger realistisch und greifbar für mich war als Astronaut oder Rockstar. Dabei war Schriftstellerin nur die logische Konsequenz aus meiner Passion, die ich für das Schreiben hegte. Schon immer ein Zufluchtsort, ein Ventil, das man zuschrauben und mit eigener Kraft regulieren kann, eine Mögichkeit, das Ungreifbare an die Oberfläche zu transportieren, den verworrenen und unverständlichen Emotionen- und Gedankenkataklysmus auf Papier zu extrahieren. Wie ein Katalysator, und die Essenz blieb mein natürliches Wesen, mein wahres Ich, dem ich für den Bruchteil einer Sekunde ins Antlitz blicken konnte, sobald ich es ausformuliert hatte. Vielleicht auch nur eine Illusion, ein vermeintliches Entfliehen vor der Wirklichkeit, denn es offenbarten sich Wunden und das Papier wurde zum Schlachtfeld. Jetzt, knapp 10 Jahre nach dem Verfassen meiner Tagebücher blicke ich auf ein Schlachtfeld, ein Blutbad  in Buchstaben, nur für Soldaten dekodierbar, zwischen den Zeilen ein SOS in die unerhörte Stille. Eigentlich weder Illusion, noch Elysium. Nur das Verschleiern der Tatsachen mit der kindlicher Polarisierung, dem Streben nach Poesie und zwischen Eden, Jenseits, Paradies und Elysium das Armageddon.
Letzten Endes war es wirklich immer nur ein Zufluchtsort. Eine Flucht vor dem Geschehen, denn das Schreiben verändert keine Geschehnisse oder Umstände. Es macht sie weder schöner, noch schlimmer, es verzerrt nur die eigene Sicht auf sie. Ich für meinen Teil abstrahiere nicht, ich subtrahiere und dividiere, aber die Rechnung geht trotzdem nie auf, denn sie ist durch meine eigenen Empfindungen getrübt und manipuliert. Ich produziere, reproduziere nicht, imitiere. Wie Sternbilder malen, wie Malen nach Zahlen, aber du veränderst die Legende, setzt Punkt, Komma und Semikolon an anderen Stellen, hebst besondere Stellen hervor, in denen du sie überhaupt erwähnst oder in einer anderen Farbatmosphäre widergibst. Über das Grau meiner Stimmung lege ich einen Hauch von rosaroter Stimmung und schon stehe ich an anderer Stelle, sehe mit anderen Augen, fühle mit anderen Fingern und höre mit anderen Ohren, schlüpfe in eine andere Haut, manipuliere mich selbst, belüge mich und flüchte vor mir selbst.

Kommentare:

  1. verdammt schöner Feierabend, heim zu kommen und auf dem Dashboard ANTIPAST zu lesen ;)
    offen gestanden will ich dir einfach widersprechen, denn es ist ein Genuss, deine Worte zu lesen, irgendwo ist ein Denkfehler, denn es kann nur ein Logikfehler sein, dass du Recht hast und du "unredlich" schreibst, aber dir einen Denkfehler zu unterstellen ist vermutlich genauso dreist, wie dich selbst zu beschuldigen, dass du manipulierst und lügst, indem du dich praktisch auf dem Papier jedes Mal entblößt, und - wie du schon so schön formulierst - reproduzierst und subtrahierst von dem, was sich in deinem Inneren abspielt, dich frei machst und zur "Essenzdeines natürlichen Wesens" zurückkehrst. Und den "Dreck", den du dir von der Seele schreibst, er scheint nie Dreck zu sein, vielleicht willst du das einfach nur sagen: Dass du den Dreck schön erscheinen lässt. Aber meines Erachtens ist das eine Kunst, kein Fehler. Nicht einmal ein Kunstfehler.
    Vielleihct habe ich den Text nicht verstanden, aber er erscheint mir so klar, trotzdem tue ich mir schwer, dir begründet zu widersprechen. Darf ich einfach sagen, dass du wundervoll schreibst, egal, was?! Und dieser Thesa bedarf es weder Begründung, noch Beispiel. Man sollte es fast schon als naturgewaltige Selbstverstädlichkeit hinnehmen! So denke ich.
    Alles Liebe und lass dich durch meine Worte bitte nicht verwirren ;)

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  2. Ich glaube, ich habe noch nie so etwas Wahres über das Schreiben gelesen.

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  3. Ein wirklich beeindruckender text!

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  4. Wenn du texte nicht gutheißen kannst, denke ich mir, du hast deine gründe und vor allem hast besonders du das recht und wissen es auszusprechen. Aber da es dabei um dich selbst geht, muss ich einfach einspruch erheben!

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  5. ich finde du hast das talent schriftstellerin zu werden. deine texte sind wahre kunstwerke.

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  6. Wie schon so oft gesagt: wenn einer daszeug zur schriftstellerin hat, dann ja wohl du!!!

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  7. so ein beeindruckendes schriftstück!

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  8. ich würde gerne mehr schreiben, aber die worte verkriechen sich vor deinen, und es dauert wohl noch, bis auch das eben Gelesene zu einem Teil von mir wird, der aus meinen Fingern bluten kann.
    Der Rhythmus des Textes und der Widerspruch, eine Faszination, die wir nicht mit simplen Methoden messen können.

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Vielen Dank für jeden Kommentar ♥
Ich behalte es mir allerdigs vor, Anfragen auf gegenseitiges Verfolgen etc entweder zu ignorieren, entzürnt zu reagieren oder es einfach zu löschen. Comprende?