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Suizid-Party

Ich kanns nicht mehr lesen, dieses Wort. Ehrlich. Wir alle leben noch, und im Gegensatz zu jeder anderen (genauso) normalen Nacht hat jeder das Bedürfnis, der Welt mitzuteilen, dass er auch noch lebt. Oho. Falls es jemand wissen möchte: Ich hatte eine miserable Nacht und für mich ist definitiv eine kleine Welt zumindest zusammen gebrochen. Ich war auf einer Party eines guten Freundes. Keine Weltuntergangs-(da ist das Wort schon wieder! :/)Party, sondern eine ganz stinknormale Freitag-Nacht-Party wie jeden verfickten Freitagabend. Ich hatte ein rotes Samtkleid an, das ich mir erst neulich gekauft hatte, war total gut drauf, hatte vergleichnismäßig wenig getrunken und war ziemlich happy, dass diese Party ausgerechnet bei Jo statt fand, weil der aus meinem Freundeskreis den besten Musik-Geschmack hat und somit eigentlich fast ausschließlich Ska gespielt wurde. Ich konnte meine Füße nicht mehr still halten und habe mit jedem Zweitem getanzt, der auch nur im Umkreis von 2m neben der Tanzfläche stand. Nur einen  Moment später war es still. Jeder stand wie agewurzelt auf der Stelle. Man hörte nur noch die Schläge der Kirchturmuhr in der endlosen Nacht hallen. Irgendwo in der Nähe ging eine Silvester-Rakete in die Luft. Das Einzige, was diese fast idyllische Harmonie durchbrach, war der gellende Hilfeschrei, der uns allen in den Knochen saß. Meine Freundin Ronnie kam aus dem Bad gerannt, jemanden im Arm tragend. Jo. Jo mit aufgeschlitzten Pulsadern. Ronnie schrie und heulte gleichzeitig. Hinter ihr ein roter Faden, und sie von Kopf bis Fuß mit Blut überströmt. Ihre Augen waren weit aufgerissen und im nächsten Moment wehleidig zusammen gepresst, um dem Anblick zu entgehen. Sie war mittlerweile auf die Knie gefallen, die Arme nun nicht mehr um ihren Freund geschlungen, sondern um ihren eigenen Torso. Sie wippte hin und her, die schwarzen Tränen ronnen ihre hohe Wangenknochen hinab und hinterließen fast schon etwas wie eine kustvolle Kontur ihrer Silhouette. Keiner tat etwas. Alle standen nur da und glotzen. Wer weiß, was sie unter ihren Halluzinationen in dieser Situation sahen? Ich jedenfalls rannte zu Ronnie und Jo, kniete neben ihm nieder und hielt mein Ohr über Jo's Kopf. Kein Atem. Kein Puls. Kein Herzschlag mehr. Wann hast du ihn gefunden, fragte ich Ronnie halb abwesend, während ich schon die Nummer des Notrufs in mein Hady eintippte. Meine Stimme bebte, wirkte aber trotzdem so linear und unverfehlt, dass man mir fast hätte unterstellen können, das ganze würde kalt an mir vorüber gehen. Meine Finger zitterten, ich verfehlte bei jeder Zahl die Taste. Es erschien mir wie eine Ewigkeit, bis Ronnie antwortete. "Gerade eben. Wir haben die Tür aufgebrochen. Er war schon mehr als eine Viertelstunde da drinnen.", presste sie unter Schluchzen heraus. Sie lehnte sich nach unten, über ihren Liebsten, und nahm dessen Kopf in beide Hände. Ich hatte noch nie einen so intensiven und fast beschwörenden Ausdruck in Ronnie's Augen gesehen. Es war unheimlich. Die Stille war unheimlich. Jetzt, wo sie aufgehört hatte, ununterbrochen zu brüllen war es so gespenstisch ruhig. Die Kirchturmuhr hatte aufgehört zu schlagen. Ich starrte Ronnie wie besessen an. Ihr Gesicht schwebte vor Jo's und ihre Lippen formten Worte, die keinen Halt fanden, keine Resonanz. Ronnie war komplett leer, und so waren ihre Augen. Sie wisperte immer wieder "Verlass mich nicht" vor sich hin, wie ein Mantra, aber insgeheim wusste sie genauso gut wie jeder andere in diesem Raum, dass Jo sie schon lange verlassen hatte und das Meer, in dem sie versank, sie auch nicht näher zu ihm bringen würde. Ich traute mich nicht, ihr die Hand auf die Schulter zu legen, sie zu streicheln, oder gar in die Arme zu schließen. Ich wusste nicht, wohin mit meinem Blick - überall Blut: An meinen Händen, überall an Ronnie's Körper, an Jo, Fußspuren auf dem Boden und eine große Pfütze um Jo herum. Also schloss ich die Augen. Endlich meldete sich jemand am anderen Ende der Leitung. Benommen sagte ich meinen Namen auf, schilderte die Situation und sagte schließlich auch die Adresse. "Er hat keinen Puls mehr, und sein Herz schlägt auch nicht mehr.", sagte ich. Stille. "Seit wann?", fragte die Frau von der Notdienststelle. "Wir wissen es nicht, aber höchstens 15 Minuten." Stille. Nicht einmal ein Atemzug. "Ein Krnkenwagen ist unterwegs. Schicken Sie bitte jemanden auf die Straße, der sie in die Wohnung bringt." "Okay", flüstere ich mit einem erschöpftem Atemzug. In diesem Moment rollt mir die erste Träne über die Wange. Ich spüre den Schock, die Spannung meiner Muskeln, die meinen Kiefer nicht auseinander bringen, und meine Finger kaum die rote Taste drücken lassen. Ich starre mein Handy an. Warum ist ausgerechnet die Taste für die Beendigung rot? Blutrot.
"Könnte bitte jemand von euch auf die Straße gehen und die Sanitäter hier rein lotsen? Sie müssten in spätestens 10 Minuten kommen." Keiner reagiert. Alle starren in die Mitte des Raums, wo Ronnie, Jo und ich uns in einer Blutlache befinden. Ich schaue in die Runde, schaue jedem einzelnen in die Augen, in der Hoffnung, dass sich irgendeiner meldet. Aber enteder entsetztes Kopfschütteln oder ein flüchtendes Abwenden des Blicks. "Izzy? Peter? Joe? Jana?" Ich rufe Namen auf, spreche sie an, aber keiner erklärt sich bereit. Das Höchste, was ich bekomme, ist ein "Aber ich bin vollkommen high und betrunken! Ich kann doch nicht den Bullen in die Arme laufen!" von Peter. Und plötzlich wird es wieder laut. Ronnie hebt den Kopf und fährt Peter mit einer nie dagewesenen Aggression und Lautstärke an, dass alleine die Schallwellen Jo wiederbeleben könnten. In Anbetracht seines Zustand steht Peter blitzschnell auf der Straße vor dem Haus. Aber als seine Schritte im Treppenhaus verebbt sind, herrscht wieder absolute Stille. Es kommt mir wie ein Tornado vor, als meie Tränen auf meine blutigen Hände tropfen. Ich schaue erst Ronnie an, die sich wieder über Jo gebeugt hat, und schlielich Jo's lebloses Gesicht. Die Tränen steigen in mir auf, ich kann nun nichts mehr zurück halten. Am Liebsten würde ich ihm ebenso um den Hals fallen und rütteln und schütteln und beten, dass das alles nur ein Scherz ist. Es stimmt nicht, dass einem vor dem Tod die Bilder seines Lebens vorbei ziehen. Ich weiß es, ich war schon einmal tot. Man sieht nur Schwarz. Diejenigen, die die Bilder an sich vorbei ziehen sehen, sind die Menschen, die zurück bleiben. Ich sehe jede einzelne Sekunde mit Jo vor meinem inneren Auge vorbei ziehen. Sein Lachen hallt in meinem Ohr wie ein schlechter Sountrack unterlegt mit sentimentalen Klavier-Akkorden wieder. Nach außen hin muss ich aussehen wie eie Wahnsinnige. Mein Kinofilm wird unterbrechen, als mich rote Männchen zur Seite schieben wie ein Möbelstück, das an der falschen Stelle steht. Sie reißen Jo das Hemd auf, pumpen an ihm herum, aber das Scheitern ist doch schon von Anfang an vorprogrammiert. Ich erlebe alles nur hinter einem Schleier. Ich bin nicht wirklich anwesend. Die Bewegungen der Sanitäter sind so mechanisch, so stockend. Wie in einem YouTube-Video, und ich wünschte, ich könte einfach auf Pause drücken, mich sammeln, warten, bis der graue Balken lädt, und dann das alles mit anderen Augen, mit einer anderen Wahrnehmung mitbekommen. Ein Schauer lief mir über den Rücken, und ich könnte schwören, es war Jo, der mir noch einmal eine Kopfnuss gibt und dann verschwindet. Ich sehe seinen Arm, wie er unter den Bewegungen  herum tanzt, als wäre er voller Lebensgeist. Er blutet nicht einmal mehr. Blutleer oder lebensleer? Er ist tot. Das sagen auch die Fachleute. Ich sehe die vertikalen Striche an seinem Arm. Er wollte sterben, und zwar ernsthaft. Ich habe in meinem Leben einen Haufen Leute kennen gelernt, die sich das Leben nehme wollten, aber selbst diese konnte man in zwei Sorten aufteilen: Die einen, die wirklich sterben wollten, und die anderen, die gerettet werde wollten. Sorte zwei hängt sich an Zahnseide auf und schneidet waagrecht, Sorte eins nimmt Stahlseil und schneidet senkrecht. Jo wollte sterben. Und er hatte die Badezimmertür abgeschlossen. Ich sitze hier und schreibe diese Worte, und überlege, dass er im Kreis seiner Freunde gestorben ist. Er war wie wir alle eine obdachlose Seele, ohne Familie und in einer Welt gefangen, die keiner so recht durchblickt. Wir alle sind die "Sons of Rage and Love". Wir haben ähnliche Schiksale und kämpfen uns durch das Leben, aber wir belügen uns gegenseitig. Jeder kämpft sein eigenes Leben uns indem wir so tun, als wären wir durch unser Schicksal irgendwie verbunden, hintergehen wir uns selbst. Wir sind alles Heuchler und Hochstapler. Keiner hatte eine Ahnung, was in Jo vorging. Man kann es so sehen, dass er seine Freunde um sich haben wollte, oder man kann es so sehen, dass er seinen Suizid perfekt inszeniert hat und uns demonstrieren wollte, wie wenig wir ihn kannten und dass wir nie richtige FReunde waren, denn keiner hatte gemerkt, dass er seit 15 Minuten tot im Bad lag, während wir uns in unserer naiven Parallelwelt suhlten.

It's too late to talk to you
And it's too soon to say good-bye
Listen where ever you may be
You still live inside my mind

Something tells me that you are free again
In a place that feels like home

It's never easy to understand
Why memories hold our hand
But people let go
No Use For A Name - Feels Like Home

Kommentare:

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  3. Ich traue mich angesichts der vorangegangenen Kommentare kaum zu schreiben. Deine Erzählung (heimlich hoffe ich auf Geschichte)...
    Es tut mir Leid. Es tut mir Leid, für dich, für Ronnie- vor allem für Jo. Mehr als ich sagen kann.
    Kodolenz klingt meisten falsch und nur selten richtig aber: Ich wünsche dir und den anderen alle Kraft die ihr nun braucht.

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  4. das finde ich jetzt aber auch irgendwie komisch. hier steht, dass du gerade einen guten freund verloren hast, da dieser sich sozusagen in deiner anwesenheit umgebracht hat und alles was hier an kommentaren zu lesen ist, ist, dass du toll schreiben kannst (was nebenbei wirklich wirklich stimmt!) und diskussionen über musik. finde ich irgendwie unpassend.
    es tut mir sehr leid für dich und auch ich wünsche dir ganz viel kraft, und dass du diese schrecklichen bilder irgendwann mal vergessen kannst.
    traurig, dass ich deinen blog erst jetzt entdeckt habe, oder eher gesagt, dass du mich mit deinem lieben kommentar hier hingeführt hast und ich nun nach so einem schrecklichen erlebnis leserin deines blogs werde. ich hätte mir einen fröhlicheren "anfangspost" gewünscht. aber dein blog ist echt mit einer der besten (in vielerlei hinsicht), die ich je gelesen habe ♥

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  5. Ich wollte dir eigentlich für deinen lieben Kommentar danken... aber, jetzt bin ich doch etwas sprachlos. Ich würde dir gerne helfen, da ich aber nicht wirklich weiß wie und denke, dass du auch nicht wirklich auf die Mitleidsmasche stehst, kann ich dir nur sagen, dass mir das unendlich leid tut. Bleib stark!

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