Sein Haar ist kürzer, sein Gesicht sieht aus, als hätte er lange Zeit damit verbracht, Gründe zu finden. Er legt seinen Kopf zur Seite und ich sehe die hellen Linien, die sich vom Sonnenlicht versteckt haben, wenn er die Stirn gerunzelt hat. Die Grübelei ist ihm ins Gesicht tätowiert. Ich sollte das Lokal betreten, mir einen Kaffee kaufen, mich neben seinen Tisch stellen, ihn mit einem selbstbewussten Hallo auf mich aufmerksam machen, und ihn fragen, ob ich mich zu ihm setzen dürfe, weil alles voll besetzt ist. Er hebt seinen Kopf, schaut sich um. Ich frage mich, ob er sich beobachtet fühlt oder auf jemanden wartet. Ich frage mich auch, warum er so eine ausgeprägte Mimik hat, wenn er schreibt. Warum seine Augenbrauen ihre eigene Sprache haben, wenn seine Augen in einer anderen Welt versinken. Ich frage mich, über wen er schreibt. Er nimmt einen Schluck Kaffee – ein Stück Zucker, zwei Spritzer Milch -, bevor er wieder abtaucht. Er sitzt alleine in einem Café, mit seinem Soundgarden-Shirt, seinem Kaffee und seiner Serviette. Es ist eine lange Zeit her, aber trotzdem erscheint dieser Moment so nah. Ich habe Angst, den Laden zu betreten und in seine Augen zu sehen, denn ich befürchte, ich würde nie wieder meinen Weg heraus finden. Nachdenklich wende ich meinen Blick ab und gehe weiter. Es schmerzt zu wissen, dass sich das Bild in den letzten Monaten nicht verändert hat. Es schmerzt zu wissen, dass er immer noch daran fest hält, dass seine nikotingelben Finger niedagewesene Poesie produzieren. Es schmerzt, dass Menschen sich nicht ändern und nichts dazu lernen. Es schmerzt, dass ich ihn in zwei Jahren immer noch im selben Café mit einer anderen Serviette antreffen werde. Und er wird seine Serviette weiterhin beschreiben wie ein weißes Blatt Papier, mit überzeugter Unschuldigkeit und dem selbstgerechten Lächeln auf den Lippen. Das Traurige daran ist, dass diese Servietten nicht mehr wert sind als Abfall, und seine Poesie nicht mehr ist als die Illusion einer Welt, die es nicht gibt.
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Black Hole Sun
Er hatte dieses Soundgarden-Shirt getragen, und ich trage noch immer genau diese Erinnerung mit mir, wie es sich über dem Muskelspiel seiner breiten Schultern abzeichnete, während er mein Gesicht mit seiner Hand gehalten hat. Er sitzt in diesem Café und kritzelt auf der Serviette herum, die neben ihm liegt. Ich kann durch das Glas sehen, dass er den Stift hält wie damals. Er weiß gar nicht, wie viele 1 Uhr-morgens ich damit verbrachte, mir exakt diese Situation auszumalen. Wie es wäre, wenn ich noch einmal von vorne beginnen könnte. Wie er wieder in diesem Café sitzt und auf einer Serviette schreibt. Er war täglich angekommen mit diesen dünnen Stücken Papier und philosophierte über seine Servietten-Poesie, die man genausogut in Glückskeksen findet.
The Extra
Ich will etwas poetisches sagen, etwas Bedeutendes, aber ich fühle mich so leer und ausgelaugt, dass es die Worte aus dem Mund eines anderen sprechen, die das ausdrücken, was ich momentan nicht kann. Ich habe die Ansprüche, etwas sehr besonderes zu schreiben, ich habe das Gefühl, nicht so gut zu sein, wie ihr in de Kommentaren schreibt. Es ist das Wundervollste, was man mir jemals gesagt hat. Ich weiß nicht, wie ich meinen Ansprüchen gerecht werden soll. Es ist eine Verpflichtung, die Maßstäbe zu erfüllen. Meine Worte sind so trivial, ich habe weder Stil noch Technik, noch Form. Ich gebe Gedanken wider, die andere schon längst besser formuliert haben, ich spreche nur über redundante Dinge. Sogar dieses Gefühl kann ein anderer besser ausdrücken als ich:
PLACEBO - THE EXTRAI try every day
To think of something deep to say
Cos I would like to find the words
That deserve to be heard
Sounds like words are out of style
Silence beckons down the murder mile
I keep on talking to the hand
In a language I don't understand
If I am an extra in the film of my own life
Then who the hell is the director?
If I am an extra in the film of my own life
Will someone please turn off the camera?
Not to argue, not to fuss and fight
But there's a riot in my head
Streets are bleeding and democracy is dead
Let's fight until the end of days
Let's destroy and let's devastate
We keep on talking to the hand
In a language we don't understand
If I am an extra in the film of my own life
Then who the hell is the director?
If I am an extra in the film of my own life
Will someone please turn off the camera?
Walking Contradiction
Mit meinem rotem Bustierkleid fühle ich mich ein bisschen overdressed. Meine Mutter mustert mich herablassend an ihrer Nase vorbei von oben nach unten. Ich bin nicht aufreizend, nein. Dazu fühle ich mich nicht wohl genug. Das Kleid hat nun einmal nicht die Länge einer Nonnenkutte, es hat nicht den tyischen konservativen Schnitt und die Farbe ist nicht die dezenteste. Aber das genügt schon. Es war nicht als Provokation gedacht, sondern ich wollte ihr lediglich gefallen. Ich hätte es hervorsehen müssen: Meiner Mutter brennen alle Lichter durch. Hätte sie noch irgendetwas in meinem Leben zu melden, würde sie jetzt den Mund aufmachen, aber in dem Moment wird ihr klar, dass sie rein gar nichts zu sagen hat, und sie schweigt.
Mit meinem roten Bustierkleid fühle ich mich wie die Verkörperung des Stilbruches. Ich komme mir wie ein Möbelstück vor, das absichtlich in das schäbige Lokal als Kontrastpunkt gewählt wurde. Unter den Blicken der Gäste entgleiten mit meine Bewegungen. Ich verschütte das Glas Wasser, das auf meinen Oberschenkeln landet. "Scheiße", fluche ich und greife zur Serviette. Gerade noch so schnell, um den Blick meiner Mutter zu sehen. Vermutlich betet sie später ein paar Rosenkreuze, um mich vor dem Scheiße-Satan zu schützen, denke ich mir, und bin froh, es nicht ausgesprochen zu haben.
Mit meinem roten Bustierkleid fühle ich mich wie im Blut der Schuldgeständnisse schwimmend. "Einer meiner besten Freunde ist vor einem Monat verstorben", flüstere ich in die insgeheime Stille. Als nichts kommt sehe ich über den Tellerrand kurz auf. Meine Mutter hat die Lieder nach unten geschlagen und hält das goldene Kettchen, das um ihren Hals wie Handschellen hängt, in ihrer Faust gedrückt. Die Knöchel treten weiß hervor. Als sie lautlos flüstert, spannt sich die dünne Haut auf den Wangenknochen wie ein Rosenblatt auf einer Streckbank. Ihre Kiefer treffen stumm aufeinander, aber ich will mir die Ohren zu halten, so unerträglich hört sich der Moment an. "Gott hat ihn zu sich geholt", sagt sie plötzlich mit einer verzerrten Gefühlswärme. Sie fragt nach dem Wie. Das Blut weicht aus dem Gesicht. Die Gewebefäden ihrer Haut scheinen zu reißen auf den Pfeilern der Streckbank, als ihr Unterkiefer den Halt verliert. Das Zurückschnalzen schmerzt in den Ohren, als sie sich bekreuzigt und ein Gebet ins Jenseits dazu wispert. Kommt er in den Himmel? Kommt Jo in den Himmel, wenn er sich selbst das Leben genommen hat?
Mit meinem roten Bustierkleid fühle ich mich wie in einem Tarantino-Streifen. Die Hyper-Katholikin im Assi-Lokal. Die Magersüchtige im rosenroten Nutten-Kittel. Das Familientreffen im Abwasserkanal. Auf eine ironische Art passt es. Es spiegelt die Zustände perfekt wider.
Mit meinem roten Bustierkleid fühle ich mich wie die Verkörperung des Stilbruches. Ich komme mir wie ein Möbelstück vor, das absichtlich in das schäbige Lokal als Kontrastpunkt gewählt wurde. Unter den Blicken der Gäste entgleiten mit meine Bewegungen. Ich verschütte das Glas Wasser, das auf meinen Oberschenkeln landet. "Scheiße", fluche ich und greife zur Serviette. Gerade noch so schnell, um den Blick meiner Mutter zu sehen. Vermutlich betet sie später ein paar Rosenkreuze, um mich vor dem Scheiße-Satan zu schützen, denke ich mir, und bin froh, es nicht ausgesprochen zu haben.
Mit meinem roten Bustierkleid fühle ich mich wie im Blut der Schuldgeständnisse schwimmend. "Einer meiner besten Freunde ist vor einem Monat verstorben", flüstere ich in die insgeheime Stille. Als nichts kommt sehe ich über den Tellerrand kurz auf. Meine Mutter hat die Lieder nach unten geschlagen und hält das goldene Kettchen, das um ihren Hals wie Handschellen hängt, in ihrer Faust gedrückt. Die Knöchel treten weiß hervor. Als sie lautlos flüstert, spannt sich die dünne Haut auf den Wangenknochen wie ein Rosenblatt auf einer Streckbank. Ihre Kiefer treffen stumm aufeinander, aber ich will mir die Ohren zu halten, so unerträglich hört sich der Moment an. "Gott hat ihn zu sich geholt", sagt sie plötzlich mit einer verzerrten Gefühlswärme. Sie fragt nach dem Wie. Das Blut weicht aus dem Gesicht. Die Gewebefäden ihrer Haut scheinen zu reißen auf den Pfeilern der Streckbank, als ihr Unterkiefer den Halt verliert. Das Zurückschnalzen schmerzt in den Ohren, als sie sich bekreuzigt und ein Gebet ins Jenseits dazu wispert. Kommt er in den Himmel? Kommt Jo in den Himmel, wenn er sich selbst das Leben genommen hat?
Mit meinem roten Bustierkleid fühle ich mich wie in einem Tarantino-Streifen. Die Hyper-Katholikin im Assi-Lokal. Die Magersüchtige im rosenroten Nutten-Kittel. Das Familientreffen im Abwasserkanal. Auf eine ironische Art passt es. Es spiegelt die Zustände perfekt wider.
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